Zum Hauptinhalt springen

Archiv: No_Blog Beiträge

#15 – Zeigt her eure Füße – Wesentliches über Füße und Körperstatik

Es gibt den alten Spruch: Wie man steht, so geht man durch die Welt. Und wie es mit alten Sprüchen so ist – es liegt oft viel Wahres drin.

Unsere Füße haben die Aufgabe, unseren Körper durchs Leben zu tragen. Das kann von leichtfüßig bis schlurfend einfach alles für unsere Füße und unseren Körper sein. Es kann Bewegungsfreude bringen oder das Gefühl, ausgebremst zu sein, einfach nicht vorwärtszukommen. Allein in den Füßen – die zuverlässige Basis für unser Stehen und Gehen sind – kann es tausende von Ursachen geben.

Als Einstieg in meine Jahresklassen und die speziellen Fußkurse lasse ich die Teilnehmer immer Fußabdrücke machen. Das geht ganz schnell und einfach mit nackten Füßen, Seidenpuder, farbigem Papier und Haarlack fürs Fixieren der Abdrücke. Dann geht’s zur Auswertung. Da schaut mein Auge und folgend das der Teilnehmer:

Sind alle Zehen zu sehen?
Ist der Abdruck durchgehend zur Ferse?
Wie ist das Fußgewölbe ausgeformt?
Stehen beide Füße gleich auf?
Haben beide Füße die gleiche Kraft?
Wie sind die Füße zueinander ausgerichtet?
Wie sind die Füße zur Umgebung ausgerichtet?
Welche Unterschiede gibt es zwischen rechtem und linkem Fuß?
Ist die Belastung gleichmäßig in beiden Füßen?
Ist die Belastung jedem einzelnen Fuß mehr innen, außen, vorn oder hinten?

Aus den Antworten auf diese Fragen lässt sich, wie beim Fundament eines Hauses ablesen, was in den oberen Etagen zu erwarten ist: Seien es Bewegungsmuster, Kompensationen, Verschleiß und vielleicht sogar schon Schmerzen.

Noch interessanter werden diese Fußabdrücke, wenn man sie jährlich macht und dazwischen gezielt an seinem Körper – nebst den Füßen – arbeitet. Da sind für mich wunderbare Entwicklungen zu sehen, bis hin zu endlich wieder schmerzfrei lächelnden Menschen, die voller Stolz auf ihr Fußabdruckbild schauen.

Nicht zu vergessen: Ja, es ist eine zufällige Momentaufnahme. Warum aber sollte jemand genau in diesem Moment nicht in seinem typischen Muster sein?

→ Unsere Füße sind ein elastischer Energiespeicher!

© Grit Silke Thieme

#14 – Nachhaltigkeit: Erde erhaltend und ehrlich statt Greenwashing?

Nachhaltigkeit, Klima retten – diese Worte sind seit Jahren in aller Munde. Und doch geht es der Welt nicht besser, sondern zunehmend schlechter. Mir stellen sich da die Fragen: Was oder wer ist denn die Erde, der es immer schlechter geht? Warum geht es der Welt trotz allen Wissens, allem bisherigen Tun nicht besser? Sind die Daten falsch? Ist die Diagnose falsch? Werden nur Symptome übertüncht?

Meine berufliche Selbstständigkeit begann ich unter dem Namen „Nachhaltiges Erfolgstraining“. Wenige Jahre später war dieser Name für mich untragbar, das Wort nachhaltig kam aus aller Munde und wurde mit etwas ganz anderem in Verbindung gebracht. Es ging es z.B. um nachhaltigen Konsum mit einem Baumwollbeutel statt Plastiktüte beim Einkaufen. Bei mir um Arbeit an sich selbst, weitab von Konsum, ohne jeglichen Materialeinsatz.

Da fällt mir ein: Hatte man nicht erst überheblich über die zum Einkauf mitgebrachten Beutel der Neubundesbürger gelacht? Oder über das SERO-System (SERO_Sekundärrohstoffe)?

Die Frage: „Wer oder was ist die Welt, die es zu retten gilt?“, findet für mich genau darin die Antwort. Es kommt darauf an, wo du deine Werte platzierst, was du als wertvoll und erhaltenswert erachtest, wie du damit umgehst, wenn andere etwas anders als du tun und leben. Ist es für dich genug, „grün“ zu shoppen und guten Gewissens weiter deinen bisherigen Lifestyle beizubehalten? Oder bist du sogar bereit, dich und deine Einstellung für Dinge, die dir wertvoll sind, zu verändern, dich für neue Perspektiven und Möglichkeiten zu öffnen? Deine eigene Beziehung zur Natur ist der individuelle Ausgangspunkt zur Rettung der Erde und des Klimas.

Braucht es also die Gesetze, Regelungen und Regierungserlasse, um die Welt zu retten? Mir sagte eine amerikanische Kollegin einmal: „Die deutschen haben so viele Regelungen und Vorschriften, weil sie es lieben, diese zu umgehen.“ Recht hat sie. Sobald eine Regelung getroffen ist, startet die Industrie von Regelungs-Umgehungssuchern ihre Mechanismen. Damit wirken die Regelungen nur für die, die sich keinen Berater und keinen Rechtsanwaltsstab für die Regelungsumgehung leisten können und/oder wollen.

Für mich ist das Problematische bei festgelegten Regeln für Nachhaltigkeit: Sie entfaltet sich wie das Leben regional und lokal. Für einen Städter machen andere Dinge Sinn als für einen Ländler – von Nahverkehr und Freizeitverhalten über Vorratshaltung und Eigenproduktion von Lebensmitteln bis hin zum Bewohnen alter ländlicher Fachwerkhäuser, statt einer Betonstadtwohnung. Die Beispiele könnte ich endlos fortsetzen. Nachhaltigkeit sieht einfach sehr unterschiedlich in ihren gelebten Facetten aus. Am Ende ist es immer der einzelne Mensch, bist du es, der sie leben muss, kann, darf oder will – ganz nach deiner inneren Beziehung zur Natur, zur Erde.

→ Lasst uns alle mitnehmen auf dem Weg der Nachhaltigkeit – jeden Einzelnen auf seine eigene, der Erde zugewandte, Weise. Gern unter von der großen Politik geschaffenen Rahmenbedingungen, mit Spielraum für Regionales und Lokales sowie Mündigkeit und Eigenverantwortung. Es ist die Einstellung jedes einzelnen Menschen – zur Welt, zur Natur, zu sich selbst – die eine Veränderung bewirkt.

© Grit Silke Thieme

#13 – Unser Körper zwischen Wissenschaft, Philosophie und alltäglicher Realität

An was denkst du, wenn du über unseren Körper reden oder denken sollst? An anatomische Bilder aus Biologie- oder Medizinbüchern? Das ist die heutzutage normale, weit verbreitete Darstellung und Auffassung, die wir oft als unsere eigene Einstellung zu diesem Thema übernehmen.

Eine andere, heute leider oft belächelte, Möglichkeit ist die folgende: der ursprüngliche Körper der Yogis. Nicht den des heutigen Yoga, der ist längst mit dem modernen Anatomie-Wissenschaftsdenken verbunden. Der ursprüngliche Yogakörper meint den Energiefluss und die Energiebahnen unseres subtilen Körpers. Das alte Yoga ist ein System aus Wissen und Praxis, mit seiner umfassenden Grundlage in alten philosophischen Schriften – wie z.B. der Bhagavad Gita oder den Upanischaden, um die zwei bekanntesten zu nennen.

Diesem Gedanken folgend können wir Yoga sowohl auf moderne, also eher physisch-sportliche Optimierung unseres Körpers und seiner Gesundheit auslegen, als auch auf die alte, traditionelle Weise. Für einen Kundigen werden dadurch zwei völlig verschiede Qualitäten und Seins-Stufen eines Menschen entwickelt. Beide sind wertvoll, wenn auch völlig unterschiedlich.

Für mich persönlich ist die Qualität des traditionellen Yoga viel umfassender, menschlicher und tiefen Frieden im eigenen Herzen bringend.

→ Beide Sichtweisen, die wissenschaftliche und die Yoga-philosophische, auf unseren Körper sind richtig. Sie schließen sich nicht aus, ergänzen sich eher. Zielen auf unterschiedliche Ebenen, grobstofflich oder feinstofflich-subtil, ab. Wenn ich die feinstoffliche Ebene nicht ausgebildet und geschult habe, sie nicht wahrnehmen kann und damit keinen Zugang habe, heiß das nicht, dass diese Ebene nicht existiert. Sie existiert nur für mich dann nicht.

© Grit Silke Thieme

#12 – Tutu (Tütü) für alle? Aber ja!

Diese Woche will ich der berichteten Tanztrainingserfahrung der letzten Woche gleich noch eine anhängen. Es wird sehr speziell und tüllig – aber toll!

Ich hatte mich zu einem Kurs für Körperorganisation beim klassischen Tanz angemeldet – wie immer mit Praxis. Mir kann immer nur die eigene Praxis verdeutlichen, was stimmig ist, welcher Körperpart noch mitmachen muss und welcher eher loslassen sollte. Also, nichts wie rein ins Vergnügen.
Womit ich nicht gerechnet hatte: Tutu-Zwang. Was soll es nützen, so einen doofen Tanz-Tellerrock zu tragen? Der steht an der Hüfte waagerecht ab, das behindert doch, ist ungemütlich und kratzt sicher. Was für für ein Blödsinn. Ich kann nicht mal Spitze anziehen, trage nie Strumpfhosen und dann soll ich so ein Ding tragen? Das werden wir ja noch sehen. Ich mach mich doch nicht zum Affen. Erstens habe ich keins, zweitens dies, drittens das. Ich habe mindestens fünfzig tolle Ausreden in meinem Kopf gehabt. Am Ende des Kurses stand ich, sehr dankbar für die Tutu-Erfahrung, glücklich strahlend im Raum.

Was war passiert? Mit einem Tutu kann man vieles erreichen: Eleganz; optisch noch längere Beine, als Spitzentanzschuhe eh schon machen; Bewegungsfreiheit für die dann besser zu sehende Beinarbeit. Und genau das, wofür dieser Kurs konzipiert war: ein tiefes inneres Verständnis für die Organisation des eigenen Körpers bekommen.

Unser Körper hat ein Achsenskelett, was aus Füßen, Beine, Hüften, Wirbelsäule und Kopf gebildet wird und einen Schultergürtel mit den Armen. Aus Sicht der Körperorganisation sind das zwei verschiedene Systeme, die gut separat angesprochen werden können. Das Achsenskelett ist für die Aufrichtung zuständig, die Schultern und Arme können bei entspannter Aufrichtung einfach auf dem Oberkörper und seinen Rippen ruhen. Haben folglich eher eine sinkende Qualität, hingegen das Achsenskelett eine nach oben strebende Ausrichtung.

Nun haben wir zwei Arme und Schultern, die nur an den Schlüsselbeinen in der Brustmitte knöchern mit dem Achsenskelett verbunden sind, der Hauptteil ist rein muskulär und faszial verbunden. Das gibt die Möglichkeit, sehr viel über eine funktionale also willentliche Einflussnahme zu arbeiten oder auch einfach hängen und passieren zu lassen.
Stell dir nun einen ein wenig unter deinem Bauchnabel sitzenden quer in den Raum rausstehenden Rock vor. Wohin mit den Armen ellenbogenabwärts?
Hm, da hilft nur Körperspannung weiter. Und sich im Achsenskelett nicht in die Gelenke zu setzen – wie letzte Woche in #11 beschrieben. Wenn dann noch die Schultergelenke leicht nach hinten sinken dürfen, dabei die Muskulatur zwischen den Schulterblättern zu arbeiten beginnt, bringt das die Arme fast von allein in eine gute und lockere Position über dem Tutu. Ein von mir völlig unerwarteter Effekt, der sich mit etwas Übung und Routine sehr schnell als alltagstauglich herausgestellt hat. Dass diese innere Aktivität gleichzeitig wie von selbst für eine Aufrichtung im Achsenskelett sorgt, gab dem Wort Schultergürtel eine völlig neue Dimension. Ja, es ist deutlich spürbar ein Gürtel. Wenn die rechte Seite, also der rechte Arm nach vorn oder hinten geht – fällt der linke nicht einfach ‚runter‘, er bewegt sich entsprechend dem Gleichgewicht in eine entgegengesetzte Ausgleichsposition.

Ich liebe diese Kursstunden bis heute innig. Da kam so viel Wissen in mich, was schon angelegt war – aber never ever aktiv geschaltet. Unglaublich. Alles so hochkomplex und doch mit Freude, Spaß, viel Lachen und Tutu so einfach zu entdecken!

Eine ähnliche Geschichte kann ich auch über Drehtanztraining mit Sufi-Rock erzählen. Der in diesem Fall lange und weite Rock ändert auch dort für mich alles. Zu Beginn hängt er recht schwer um die Beine, fängt an, mit zunehmendem Tempo zu steigen und wird ein weit in den Raum reichender flacher Teller, in dessen Zentrum ich zur Rotationsachse werde. Gefühle von Zentriertheit und endloser Ruhe stellen sich hier, trotz der schnellen Drehungen, bei mir ein. Ohne Rock habe ich diesen Effekt nicht, bin aber auch keine Meisterin des Drehtanzes. War einfach neugierig genug, es wissen zu wollen.

→ Bleibt neugierig. Alles, was wir denken, entspringt dem, was wir bisher erfahren haben. Versucht Neues, bleibt spielerisch offen. Probiert, bei sich ergebender Gelegenheit, gern ein Tutu an und denkt an diesen Artikel. Vergesst all die Klischees über dieses und jedes (andere Kleidungsstück).

© Grit Silke Thieme

#11 – Sitzt nicht in euren Gelenken! Ein praktisches Expertiment

“Sitzt nicht in euren Gelenken!” – Ich gebe diese vor Jahren im Tanztraining zum ersten Mal gehörte Aufforderung an euch weiter. Ich stand damals da und dachte: “Wie bitte? Was soll ich tun?” Und beobachtete die Umgebung. Scannte, was die Anderen taten. Meine fein geschulten Sinne konnten erspüren und dann sehen, was gemeint war. Meine Kursteilnehmer, die diese Zeilen lesen, wissen sicher schon, was gemeint ist.

Für alle Neulinge: Heute wird es praktisch. Es wird Experiment, welches manchen gelingen wird, anderen ein wenig oder gar nicht. Da hilft nur, sich immer wieder neu darauf einlassen und versuchen! Oder in einen meiner Kurse zu kommen. Vor Ort sehe ich genau, was passiert und kann unterstützend korrigieren. Auf das es gelingt, das nicht mehr in den Gelenken sitzen.

Jeder von euch erfährt dieses Experiment in seinem Körper, der durch die eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungsmöglichkeiten geprägt ist. So kann es sein, dass jemand z.B. schon vom Feuer gelesen hat. Ein anderer hat bereits Feuer gesehen, der Nächste hat selbst Feuer entzündet und wieder ein anderer hat Feuer gemacht und darauf gekocht. Entsprechend dieser Feuer-Erfahrungen, werden die Reaktionen auf das Wort Feuer sehr unterschiedlich sein. Genauso ist es beim folgenden “Sitzt nicht in euren Gelenken-Experiment”.

Nimm dir bitte ungefähr 15 Minuten Zeit für die Praxis. Beim ersten Mal bist du wahrscheinlich viel schneller. Wenn du Wiederholungstäter bist und schon etliche Male solche Experimente gemacht hast, wirst du dich Fragen: “Warum so schnell?”

Jetzt geht es los! Stell dich locker hin. Wie fühlt sich dein Stehen an? Nicht bewerten. Nicht gut oder schlecht. Wie sind deine Füße auf dem Boden? Wie hat der rechte Fuß Kontakt zum Fußboden? Alle Zehen unten? Stehst du mehr auf der Außenseite des Fußes? Mehr vorn? Oder eher hinten? Sind die Zehen lang und entspannt? Ist der Fuß eher fest oder weich? Gib es eine Stelle, die du besonders merkst?
ACHTUNG: Nicht korrigieren oder verändern, nur wahrnehmen, registrieren, wie er steht, der eine Fuß. Gehe dann mit deiner Wahrnehmung zum anderen Fuß. Wie ist es dort? Beginne wieder mit den Fragen von vorn, vergleiche nicht mit dem anderen Fuß. Was machen hier die Zehen? Kannst du alle fünf auf dem Boden spüren? Wo lastet da Gewicht? Mehr vorn? Innen? In der Mitte? Wie ist das Fußgewölbe hier? Nimm dir Zeit und erforsche es in Ruhe. Ziele nicht auf ein Ergebnis, nimm nur deinen Fuß wahr.

Und nun: Du hast zwei Füße, die sich worin unterscheiden? Worin sind sie gleich? Finde es heraus und traue deiner Wahrnehmung! Sie ist immer richtig. Es ist deine Wahrnehmung für deine Füße. Natürlich können deine Augen etwas anderes Sehen und deine Gedanken sich so ihre Erwartungen vorstellen. Das wäre dann aber nicht deine Wahrnehmung, doch genau die brauchen wir hier!

Wenn du jetzt weiter nach oben gehst: Wie fühlen sich deine Waden an? Erforsche sie einzeln, genau wie die Füße. Nimm dazu die Fragen von oben – oder erfinde deine eigenen! Nimm dir Zeit. Für jede Wade.

Frage dich, wie sich der Übergang vom Fuß in die Wade anfühlt. In beiden Beinen. Nimm dir wieder Zeit dafür.

Gehe anschließend zu den Hüften und erforsche diese. Sind sie gestreckt? Beide? Oder ist eine leicht gebeugt? Wie steht jede Seite über dem Fuß? Über der Wade? Was macht dein Popo? Ist er angespannt? Oder eine Seite locker und die andere hält? Finde es heraus. Nimm dir wieder Zeit dafür.
Wenn du das alles in dir wahrgenommen hast – laufe ein paar Schritte. Wie fühlt sich das jetzt an? Wie immer?

Bleibe dann wieder stehen und stell dir vor, zwischen deinen Zehen wären Froschhäute. Diese spannst du gedanklich auf. Es braucht keine Bewegung. Wirklich nicht.
Kannst du wahrnehmen, was da in dir passierte? Wahrscheinlich noch immer passiert? Du sitzt nicht mehr in den Gelenken. Ein Gefühl von Veränderung zu mehr Leichtigkeit in den Beinen und Hüftgelenken kann eingetreten sein. Nimm es genau wahr. Wie fühlt es sich jetzt an? Genieße es.

Wiederhole die Übung gern immer mal wieder. So oft du magst. Es ist ein innerer Prozess, der sich lebenslang weiter entwickelt. Zunehmend inneren Schwung und Elan bringt.
Wenn du keine innere Veränderung gespürt hast, jedoch neugierig geworden bist: Bleib dran, es wird kommen.

Allein durch die aktive Wahrnehmung unseres Körpers und die Veränderung der inneren Einstellung, kommt viel Leichtigkeit und Fluss in unsere Bewegungen. Wir müssen uns ‘nur’ darauf einlassen.

© Grit Silke Thieme

#10 – Science can’t heal a sick society

Wissenschaft kann eine kranke Gesellschaft nicht heilen – diesen Satz habe ich 2015 in einem Pausengespräch des 4. Internationalen Faszienforschungskongress in Washington DC gehört. Er hat mich sehr beeindruckt und beschäftigt mich bis heute. Ist so klar, schlicht und deutlich. Ein Meisterwerk. Mein wichtigstes Mitbringsel von diesem Kongress.

Sptestens ab 2015 herrschte im Bereich Faszie Goldgräberstimmung, überall war die Faszie in aller Munde. Als Expertin dieses „Materials“ wollte ich genau wissen, was es da so umwerfendes Neues gab. War es eine Modeerscheinung wie Popgymnastik in den 80ern, Zumba in den 90ern? Oder habe ich da wirklich was verpasst? Nichts wie hin, zum Kongress der weltweit besten Forscher.

Vor Ort gab es ein solides, gutes Programm. Es wurde über viele, viele neue Forschungsschwerpunkte im Fachgebiet berichtet, aktuelle Statusberichte und erste praktische Anwendungsmethoden in der Medizin wurden erörtert. OP-Methoden wurden praxisnah vorgestellt, die anatomische Nomenklatur der Faszie dekliniert und festgeschrieben – viel Gewusel, noch mehr wichtige Menschen, ein gut gewählter Kongress-Ort. Für mich genau die richtige Mischung, um weltweite Aufmerksamkeit für das Thema zu erreichen, die über die Fachpresse in jede Universität und medizinische Einrichtung hineinwirkt, in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen die Bevölkerung erreicht, in TV- und Ratgebersendungen ankommt. Das muss man auf die Beine stellen können und wollen. Die Faszie in die Welt bringen, obwohl sie da schon so lange ist, wie es den Menschen gibt. Es war ein Super-Coup, der diesbezüglich voll und ganz gelungen ist!

Was denen, die schon seit Jahrzehnten – um nicht zu sagen Jahrhunderten – mit der Faszie arbeiten auffiel: Alle Forschungsansätze sind sehr um wissenschaftliche Datenanalyse und Brillanz bemüht. Forscher spannen z.B. ein Stück Faszie auf, um dessen elastisches Verhalten zu messen. Finden eine konkrete Zahl für die Faszienelastizität unter dieser konkreten Laborbedingung heraus.
Ja, und? Wohin führt dieses Ergebnis? Zum Nachweis, dass sich Fasziengewebe elastisch verhält? Werden daraus Anwendungen entwickelt, die genau diese Elastizität in einer Faszie eines (jeden) Menschen herstellen können?

Ich verstehe es nicht. Nur, weil ich wissenschaftlich an etwas herangehe, heißt das doch nicht, dass es sich in unserer komplexen Realität genauso verhält und umsetzen lässt. Dieses Erforschen der Welt in kleinsten Details findet heute in vielen, vielen Forschungsgebieten statt. Wir sammeln Wissen über alle möglichen Verhaltensweisen von irgendwas unter bestimmten, wiederholbaren Bedingungen. Mit zunehmenden Datenverarbeitungsmöglichkeiten entstehen immer komplexere wissenschaftliche Modelle, mit mehr Optionen. Aber wohin führen uns diese Optionen?
In meinem o.g. Beispiel führte es zum Bekanntwerden der Faszie. Und ansatzweise dazu, dass deren Beeinflussbarkeit durch Eigen- oder Fremdbehandlungen mehr Aufmerksamkeit erlangte.

Was dabei auf der Strecke bleibt: die nicht in Zahlen erfassbaren Aspekte einer untersuchten Sache, die als lebendiges Element weitere, nicht erfassbare Facetten und Qualitäten hat. Genau wie wir Menschen. Wir sind auch nicht die rationalen Entscheider, als die wir uns oft gern sehen.

→ Eine durch unsere heutigen wissenschaftlichen Möglichkeiten und Methoden abbildbare Welt, ist nicht die reale Welt. Die ist komplexer, bunter, schöner, vielfältiger und vor allem menschlicher. Wenn diese Menschlichkeit durch wissenschaftliche Vorgaben und Nachweise eingeschränkt wird, ist es nicht die Wissenschaft, die uns wieder heilen kann. Lassen wir die Wissenschaft(ler) ihre Erkenntnisse gewinnen. Behalten wir uns vor, unsere eigene Einschätzung zu den Auswirkungen der Forschungsergebnisse in der realen Welt zu haben. Genau das ist Leben.

(C) Grit Silke Thieme