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Archiv: No_Blog Beiträge

#25 – Bilde deinen Körper, nicht nur deinen Kopf – Expertiment: Der Kran

Für das Wort bilden könnte ich auch alternativ formen, gestalten, modellieren, hervorbringen, schaffen, entstehen lassen, ausbilden, entfalten, entwickeln, erziehen oder zur Entfaltung bringen verwenden.

All diese Worte stehen für mich im Gegensatz zu den heute üblicherweise für körperliche Betätigung verwendeten Worten: Sport, Fitness, Training. Diese sind immer zielorientiert und dienen – mehr oder weniger bewusst – der Selbstoptimierung und Effizienz.
Körperbildung ist auch zielorientiert, dient aber weder der Effizienz noch der Selbstoptimierung – der Ansatz folgt der Idee von Freude an der eigenen Entfaltung, am eigenen Wachstum in der Qualität einer Bewegung und im Bewegungsausdruck im Alltag. Das heißt nicht, dass Sport, Fitness und Training nicht zu Wachstum und veränderter Bewegungsqualität führen – nur geht es dort eher um Trainingspläne, Zahlen und messbare Verbesserungen auf dem Weg zu einem konkreten Ziel.

Bei der Ausbildung des eigenen Körpers geht es um das Ausloten der eigenen (Bewegungs-)Grenzen und der staunenden Arbeit an diesen. Das braucht einen gut gebildeten Kopf, um die eigenen Grenzen zu sehen und akzeptieren zu können. Es braucht auch Mut, sich auf die fordernde Arbeit einzulassen.
Typischerweise beschäftigen wir uns erst mit den Grenzen unserer Beweglichkeit bei auftretenden Schmerzen und Beeinträchtigungen. Startpunkt ist oft ein Arztbesuch und die Hoffnung “das wird schon wieder”. Entweder mit Medikamenten oder Facharztbesuchen, bildgebenden Verfahren und medizinischen Behandlungen. Wenn da dann kein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt wird, sind die Betroffenen oftmals wirklich bereit, selbst die Verantwortung für sich zu übernehmen, sich auf den langen Weg der Körperbildung einzulassen.

Doch warum sollen andere etwas in Ordnung bringen, was man selbst “verzapft” hat? Können die das überhaupt? Will ich das? Diese Fragen stehen am Beginn der Reise zur Bildung des eigenen Körpers. Oftmals liegen dann schon etliche gut bewegte Lebensjahre hinter einem – meist mit Sport und Fitness.

Was meint es nun genau mit der Körperbildung?
Nehmen wir eine der Basic-Übungen, an der man viele Jahre ohne jedes Gerät arbeiten und Veränderungen erzielen kann. Ich nenne sie “Kran”.
Plane bitte 10 Minuten ein. Neustarter versuchen bitte, mindestens fünf Minuten “dranzubleiben”. Du brauchst auf dem Boden Platz, um dich abzulegen. Finde selbst heraus, ob du eine Unterlage für deinen Komfort benötigst.

Bewegungsexpertiment: Kran


Lege dich mit dem Rücken auf den Boden.
Stelle die ausgesteckten Beine nacheinander an.
Je näher die Fersen am Po stehen, desto leichter wird die Übung.


Habe die Füße hüftschmal stehen.
Beginne mit einem Bein, das andere ist erst nach Übungsende dieses Beines dran.
Schiebe ein Knie nach vorn schräg oben in Richtung des Fusses. Der Fuß bleibt an seinem Platz.


Lasse das Knie die Führung, die Aktivität übernehmen.
Der Oberschenkel – mit all seinen 27 Muskeln – das Becken, die Hüfte bleiben passiv liegen.
Das aktive Knie ruft Bewegung in Oberschenkel, im Hüftgelenk, im Becken, der Wirbelsäule ab.


Hast du es ausprobiert? War es leicht? Wenn ja, dann ist es nicht richtig. Leider.
Der typische Fehler:Der Oberschenkel soll nicht als eine kompakte Gruppe arbeiten, was ja sofort die Hüfte mit bewegt. Was hier wirklich in dir gesucht werden soll: die Anspannung aller Oberschenkelmuskeln und folgend der Hüfte sein zu lassen, und Faser für Faser auszudifferenzieren, wer arbeitet? Wer klemmt? Wer gleitet schon?

Wenn du einen Zipfel dieser “Loslassen-Qualität” finden kannst, dann bekommst du einen ersten Eindruck von elastischer, fließender Körperkraft, die eine Beweglichkeit und “range of movement” zulässt, in welchem dein Körper für dich arbeitet, sich bewegt – statt du ihn.


Also erneut auf Start und dasselbe Bein nochmal – für spielerische fünf Minuten.
Danach stehe vorsichtig auf und nach gutem Stehgefühl laufe ein paar Schritte. Hanghuhn-Gefahr!
Lege dich hin, nun ist das andere Bei dran – beginne wieder oben am Anfang.


Diese Übung kann bis zu den Kopfgelenken hinauf Wirkung zeigen, ja sogar bis tief in den Kopf hinein. Ich experimentiere schon über fünfundzwanzig Jahre an diesem “in-mir-abhängen”. Es wird immer feiner und feiner, hat irgendwann sein Spiel mit der Ein- und Ausatmung begonnen. Mittlerweile reagiert die Fußsohle (also die drei Ebenen der Plantarfaszie) auf die Bewegungseinleitung des Knies während die Atembewegung (Ein- und Ausatmen lassen durch Lungenausdehnung/-einsinken eine Wellenbewegung im entspannten Gewebe entstehen) gleichzeitig die gleichen Stellen berührt.

© Grit Silke Thieme

#24 – Gehen, Stehen, Laufen – ist doch ganz einfach. Oder?

Auf den ersten Blick ist es ganz einfach – zumindest für jeden, der zwei funktionstüchtige Beine hat. Bei genauerem Hinsehen fallen mir etliche Worte mehr als Gehen, Stehen und Laufen zu den in der Öffentlichkeit zu sehenden Körperhaltungen ein. Da wären Schlurfen, Nachziehen, unrund laufen, anhängen, gebeugt sein, humpeln, steife Knie, feste Hüfte und noch viele mehr. Was in meinen Augen viel zu oft fehlt: schlendern, hüpfen, tanzen, entspannt laufen, federnde Bewegung, elegant-kraftvoll ausschreitend.

Lasst uns daher über ein Thema reden, das selten benannt wird. Wenn das im Kopf verarbeitet ist, dann beginnt einiges, runder zu laufen.
Lordosen und Kyphosen, das sind die zwei mehrfach vorkommenden Wunderdinge in unserem Körper, die dir helfen, entspannt aufrecht zu sein.
Klassischerweise benennen die beiden Worte die natürliche Krümmung der Wirbelsäule. Lordosen sind die nach vorn gewölbten Hals- und Lendenwirbelsäulenbereiche, Kyphose ist die nach hinten gewölbte Brustwirbelsäule.

So weit, so gut. Wenn wir jetzt diesen natürlichen Schwung der Wirbelsäule – Hals nach vorn, Brust nach hinten, Lendenbereich nach vorn – nicht nur auf die Wirbelsäule anwenden, ergibt sich ein Bild wie unten am Artikelende zu sehen. Das habe ich am Wochenende im Kurs “Bewegungswerkstatt: Gehen. Stehen. Laufen.” schnell gezeichnet, um sichtbar zu machen, wie die Mechanik des Aufrichtens aus den Füßen geht. Ein wenig vergleichbar ist dies mit der Bewegung einer Schlange, die sich nicht als langer, angespannter Stock vorwärts bewegt, sondern sich auf dem Boden schlängelt. Wir tun das nicht am Boden, sondern richten uns in dieser Art mit einer etwas anderen Anatomie (Beine, Füße) in die Höhe auf. Schaut bitte spätestens jetzt nach unten auf die Skizze!

Nach dem Blick auf die Skizze behaupte ich jetzt: Wir schlängeln uns im Lauf unseres Lebens in die Höhe. Das passiert durch die muskuläre Aktivierung der bereits in uns angelegten vor- und rückschwingenden Strukturen. Alle sind bei der Geburt angelegt, müssen aber mit Aktivität “gefüttert” werden und führen nach nur Liegen über den Kopf auf ein interessantes Geräusch ausrichten zu ersten Kopfdrehungen/-hebungen, gefolgt von kriechen, krabbeln und ersten Gehversuchen. Die Aktivierung der 6. Lordose zwischen Fußballen und Zehen ist die letzte Aktivierung, die zu echter, entspannter Aufrichtung führt – von dort wird das ganze Brustbein supportet und der Kopf kann sich dann erst über die Kopfgrundgelenke und Atlas “on top” auf die Wirbelsäule setzen.

Die letzte Stufe der Aufrichtung – eben jene Aktivierung der Zehen vor dem letzten Zehenglied – ist bei den meisten Menschen, die ich laufen sehe, nicht verwirklicht. Das geht einher mit allen Haltekonsequenzen im Köper für die ca. 7 kg Kopfgewicht, die dann nicht in der Achse liegen, also aus der Schlangenlinie (oft nach vorn) rausfallen. Mit der Konsequenz, dass alle Muskeln, die nun Haltearbeit verrichten müssen, die gesamte Schlangenlinie kollabieren lassen. Die individuellen Ersatzhaltemuster sind sehr unterschiedlich, machen alle gehen, stehen und laufen echt anstrengend.

Ich hoffe, ihr könnt euch in die ‚Schlange‘ hineinfühlen. Wer mehr dazu wissen oder unter meiner Anleitung und Korrektur in die Praxis einsteigen will, der Kurs kommt nächstes Jahr erneut! Für die diesjährigen Kursteilnehmer – wie gewünscht, unten ist die Skizze zu eurer Erinnerung.

© Grit Silke Thieme

#23 – Atem und stofflicher Körper – Basics

Atem: Wie wirkt er in unserem Körper? Was bewirkt er? Ist es nicht der erste Atemzug nach der Geburt, der bezeugt, dass wir am Leben sind?

Neben der im Biologieunterricht behandelten Zell- und Lungenatmung, gibt es unzählige Atemtechniken in Sport, Musik, Yoga und allen möglichen Lebenslagen. Daneben gibt es etliche atemtherapeutische Schulen wie u.a. den “erfahrbaren Atem” von Prof. Ilse Middendorf.
Erstere werden mit einem komplexen Zusammenspiel zwischen verschiedenen Teilen der Muskulatur, die die Ein- und Ausatmung so regeln, dass sie den Bedürfnissen des Menschen angepasst sind, erklärt. Letztere kennen auch die Bauchatmung und beschäftigen sich eher mit der Wechselwirkung von Atem und Geisteszustand, sehen Atem als die Verbindung von Körper und Seele.

Allen gemein und fachübergreifend ist mittlerweile die Erkenntnis: Eine “gute” Atmung hilft, Stoffwechselvorgänge, Denkvorgänge und viele andere Prozesse aus der Unordnung heraus zu bringen. Im Klartext: Der Prozess des Atmens hat regulierenden Einfluss auf körperliche Ordnungsprozesse. Wenn wir genauer hinschauen, wird erkennbar, dass unsere Atmung sehr eng mit dem sogenannten limbischen System und weiteren Systemen im zentralen Nervensystem verschaltet ist, die für unsere Psyche verantwortlich sind. Wenn du z.B. Schmerzen hast oder wenn du durch Angst oder Freude aufgeregt bist, verändert sich deine Atmung. Durch Biofeedback-Geräte können wir heute deutlich zu sehen, was sich durch eine langsame, tiefe Atmung noch alles im Körper verändert: Der Blutdruck sinkt, das Herz schlägt langsamer, die Muskeln entspannen sich. Aber auch die Veränderungen durch eine schnelle oder unrhythmische Atmung können sichtbar gemacht werden.

Diese Ergebnisse haben untermauert: In letzter Konsequenz hat unsere Atmung mit ihrer Frequenz und Tiefe enorme Auswirkungen auf unser autonomes Nervensystem. Sie beeinflusst, ob dieses im kommunikativen Entspannungszustand oder im angespannten Verteidigungs-/Kampfmodus arbeitet. Und für Kenner der Fachbegriffe: ob eher Parasympathikus oder Sympathikus aktiv ist.

Bis hier bewegen wir uns auf gut erforschtem Wissenschaftsgebiet.

Wenn ich jetzt auf die über “ein sich Atem versenkende” laufende Transformation unseres stofflichen Körpers in den spirituellen Körper komme, ist die wissenschaftliche Luft sehr, sehr dünn. Aber auch dieses dünne Lüftchen ist schon mit Wissenschaft in Kontakt gekommen. Seit etlichen Jahren erforschen Wissenschaftler die “Köpfe” von langjährig meditierenden Meistern verschiedenster Meditations-Schulen. Sie entdecken dort immer mehr und immer tiefergehende körperliche Prozesse, die sonst nur im entspannten Tiefschlaf vorkommen.

Einzelne Wissenschaftler begannen selbst zu meditieren und in alte asiatische Traditionen einzusteigen. Mancher von ihnen durchdringt diese alten Konzepte für seine wissenschaftliche Arbeit, andere gaben die Wissenschaft auf und begannen zu atmen. Sagen heute, dadurch bekamen sie einen neuen Körper, den sie nicht für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung stellen, da diese (noch) zu grob dafür sei, nicht einmal die passenden Worte habe.

Haben diese Menschen am eigenen Körper erfahren, was der Atem und unser stofflicher Körper wie miteinander zu tun haben? Ich möchte es glauben.

→ Schau, wie weit du dich auf deinen Atem einlassen kannst. Für mich ist unser Atem ist zu komplex, um ihn rein wissenschaftlich und linear erklären zu können. Lass deinen Atem laufen, bis zum letzten Zug.

© Grit Silke Thieme

#22 – The rhythm is lost, not the movement

“Der Rhythmus ist verloren, nicht die Bewegung (Beweglichkeit)” – für mich der wichtigste Satz eines Lehrers in all meinen Ausbildungen.

Das ist für mich jedes Mal, in jeder Einheit wieder, der Schlüsselmoment für das “finde den Fehler” im System und bei der Frage: Was ist als Nächstes zu tun? Beim Blick auf das Ganze genauso wie beim folgenden Zoomen ins Detail und wieder zurück aufs Ganze um dann wieder in ein anderes Detail zu zoomen. Wer macht am meisten nicht mit? Wer hat schon aufgeholt und stolpert noch ein wenig, ist aber schon viel besser dabei? Wo hängt es noch?
Praktisch würde ich mir dann Fragen stellen wie zum Beispiel: Läuft das Bein in allen Gelenken? Lässt sich ein Gelenk von den anderen oder dem Gewebe herum nur mitnehmen und pausiert? Was ist mit dem Bauch über dem Bein, bewegt der sich mit? Hält er? Wenn ja, wer hält? Organe? Bänder? Faszie? Muskulatur? Knochenstruktur? Wer trödelt rum? Wer rennt vorn? Wer lässt die Nachbarn arbeiten?

Rhythmus ist, ganz einfach gesprochen, regelmäßige Wiederkehr und gleichmäßiger Wechsel während eines zeitlichen Verlaufs. Bekannt vor allem aus der Musik, verwenden wir diesen Gedanken im Sinne von “nicht rund laufen” auch bei anderen komplexeren Abläufen, z.B. in Getrieben, mechanischen Uhrwerken oder umgangssprachlich für atypische Verhaltensweisen.

Wenn uns Menschen etwas weh tut, schmerzt, klemmt, drückt oder piekst – also nicht so funktioniert, wie wir es erwarten oder gern hätten, denken wir in Kategorien: abgenutzt, geprellt, überanstrengt, eingefroren, geklemmt oder taub. Das beziehen wir dann auf einen mehr weniger gut definierten Körperteil. Wir hoffen auf jemanden, der helfen kann, diesem Teil wieder zu besserem Funktionieren zu verhelfen. Wir suchen Rat und Tat bei Ärzten, Heilpraktikern, Heilern.

Jener oben erwähnte Lehrer – ein brillant schlagzeugspielender, zutiefst von Rhythmusgefühl durchdrungener Experte – schulte unsere Wahrnehmung in Auge, Ohr und Körper für Rhythmus, Rhythmenwechsel und ausbleibende, fehlende Rhythmik. Lies uns in der Gruppe eine Stunde vor Unterrichtsbeginn freiwillig im Beat und Offbeat bewegen. In allen nur körperlich machbaren Schlagfrequenzen. Das hat mir, die ich große Probleme hatte, mich genau auf dem Punkt oder eben zwischen den Punkten zu bewegen, viel Frust und großen praktischen Lernstoff gegeben. Mein Empfinden und Fließen für und mit Rhythmen, deren Stolpern, klemmen, nicht können, im eigenen Körper enorm geprägt. Meinen Augen beim Beobachten der Mitschüler die “Fehler” im Flow zu sehen gelehrt. Rückblickend nenne ich es “die Schule der Schulen” meines Lebens.

→ Fast immer ist es nicht wirklich der Teil, der uns weh tut, den wir als Problem benennen, das ursächliche Problem. Meist ist lange vorher schon ein Teil des komplexen Systems “ausgestiegen, trödelt oder rennt, ist aus dem gemeinsamen rhythmischen Miteinander unseres Körpers gefallen. Etliche muskuläre, knöcherne, organische oder bindegewebige Nachbarn versuchen schon lange, die Störung im Ablauf des Miteinanders zu supporten, zu helfen, machen mehr, in anderem Tempo bringen das System immer weiter vom “rund laufen” weg. Was ein Gutes hat: Unser intelligenter Körper kann sich in bestimmten Belangen erstmal gut selbst helfen. Wenn die Hilfe aber dauerhaft zu leisten ist, dann gerät über die Zeit das ganze System in Mitleidenschaft.

© Grit Silke Thieme

#21 – Körpersurfen im Neoprenanzug – bitte mit Landkarte!

Mein eigener Körper war nicht immer so gut in Schuss wie heute. Um zum einen besser zu verstehen, was in ihm nicht so gut funktioniert, welche Abläufe nicht rund laufen, habe ich vor etlichen Jahren einen Anatomie/Physiologie Kurs belegt. Nach einem Jahr sogar die Prüfung bestanden.

Zum Anderen fand ich es wichtig, seine Landkarte zu kennen und Orte benennen zu können, eh ich meine eigene Heilungsreise in dieses damals für mich völlig im Dunklen liegende, in meinem Fall nicht gut arbeitende, Territorium “Körper” antrat.

Nicht zuletzt hat erst dieses Wissen mir ermöglicht, viele meiner körperbezogenen Ausbildungen auf hohem Niveau absolvieren zu können, und ist noch heute die solide Basis meines Tuns.

Ich erkläre meine heutige Arbeit gern mit allgemein bekannten technischen Vergleichen oder Bewegungsabläufen. Natürlich “hinken” diese, lassen aber über das Motiv einen Transfer des Bildes zu. Eine der Erklärungen auf die Frage “Was machst du da eigentlich?” beginnt mit dem Einleitungssatz: Wir Menschen bestehen zu mindestens 70 Prozent aus Flüssigkeiten – Blut, Interzellularflüssigkeit, Nervenwasser. Gefolgt von der bildhaften Beschreibung:


Wenn ich an einem Kunden arbeite, nutze ich diese Flüssigkeiten. Ich ziehe mir meinen Neoprenanzug an, greife mein Surfboard und springe rein ins Gewebe. Surfe in den Flüssigkeiten, reite das unter mir dahinschmelzende Gewebe. Egal in welcher Tiefe, egal an welcher Stelle, welchem Strudel auch immer – auf dem Weg zu und von der in Ordnung zu bringenden Stelle. Es ist wirklich eine Welle, die da zu fühlen ist, die Arbeitsstelle ist oben auf dem Wellenberg vorn kurz hinter Abbruchkante – man muss an der Stelle bleiben und mit der Welle gehen. Wenn man rausfällt, die Welle bricht, Neustart mit der nächsten Welle. Der einzige Unterschied zum Surfen, ich schaffe mir die Welle und gebe ihr die Richtung, Höhe und Geschwindigkeit.


→ Von den Zehen bis in den Kopf gibt es Milliarden mögliche Wege für die Welle in und durch unseren Körper. Da ist es gut, seine Anatomie-Hausaufgaben gemacht zu haben, genau zu wissen, wo ich in der dreidimensionalen Landkarte bin, welchen Weg ich gehe und wo ich noch hin will. Hinzu kommen noch: Das Surfen will gekonnt sein sowie das Wissen klar, warum will ich wohin surfen.

© Grit Silke Thieme

#20 – Digitalisierung der Körperarbeit – ist das möglich?

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ist derzeit in aller Munde – kannst du nicht auch vieles online anbieten? Diese Frage höre ich in letzter Zeit gelegentlich, denke aber, Digitalisierung umfasst weit mehr als Onlinearbeit.

Meine kurze Antwort: Ja, könnte ich. Ich habe mit der Technik und den generellen Modalitäten beschäftigt, mich mit Kollegen ausgetauscht, die dies bereits anbieten und am Ende eine Entscheidung getroffen. Nein, ich tue es nicht.

Zum Einen sehe ich etliche meiner Kunden mit den Online-Dingen der Buchung wie Kursteilnahme und Zahlung überfordert und frustriert. Zum Anderen würde die eigentliche Arbeit eine völlig andere Qualität annehmen bei meiner Arbeitsweise eine leere und enttäuschende.
Ja sicher, generell ist Körperarbeit online machbar. Sogar in Gruppen. Ich habe noch nirgends die intensive, tiefe und feine Qualität finden können; auf der wir arbeiten. Das Niveau, auf dem ich mit euch arbeite, möchte ich aber keinesfalls absenken. Eher im Lauf der Zeit die Verfeinerung weiter steigern.

Auch in nächster Zukunft kann ich mir, mit neuen hilfreichen Algorithmen und komplexer KI (künstlicher Intelligenz) dieses anspruchsvolle Arbeitsniveau nicht online vorstellen. Es geht einfach um zu individuell-komplexe Sachverhalte, die nicht gemessen und ausgewertet werden müssen, sondern ‘einfach’ nur verändert.

Vor der Entscheidung “Klasse oder Masse” stehend, habe ich mich für die Klasse entschieden. Es ist der gleichzeitige Austausch aller Kursteilnehmer im Raum, der euch weiterbringt. Meine Fragen an einen Einzelnen, die alle andern plötzlich auch ihre lösende Antwort auf das eigene Muster in einem Ahaerlebnis finden lässt. Und nicht zu vergessen, die Pausen miteinander, die Verständnis füreinander, mehr Klarheit und neue Einsichten bringen.

Nicht mal eine Online-Zahlungsfunktion anbietend, weil selbst die, eine stabile Netzfunktion voraussetzt, die nicht vorausgesetzt werden kann, sofern man nicht in Großstädten lebt, habe ich meine Probleme schon mit Zoom-Meetings. Ich empfinde diese als sehr einschränkend. Digitales Zusammenarbeiten und Kommunikation ist mehr als Sprache. Sprache ist mehr als Worte – schon da ist es für die alltägliche Büro-, Forschungs- und Entwicklungsarbeit bremsend und einschränkend, wenn immer nur eine Person aktiv geschaltet ist. Wenn diese dann zum Schutz persönlicher Daten und Informationen im Netz, zusätzlich ohne Kamera arbeitet, verflacht die ganze Sache sehr schnell zu einem Gefühl von Schlangestehen und den Vordermann nur vage von hinten sehend. Oder die Bezugnahme auf den fünften Redner vor mir, obwohl die vier bereits gefolgten Redner ganz andere Themenstränge geöffnet haben. Diese Meetings sind für mich sehr ineffektiv und für ein notwendiges Mindestmaß an Kommunikation gerade ausreichend. Geht es euch da auch so?

Und dann kommt erst das Dahinterliegende, wirklich Wichtige: Ich will es kurz mit den Namen Stephen Porges (Polyvagal_Theorie) und Peter Levine (Trauma und Kommunikation) anklingen lassen. Beide weisen in ihrer Arbeit immer wieder darauf hin, Säugetiere und Menschen sind soziale Wesen, die Kontakt und Austausch in der Gruppe, Gesichtsmimik, Körpersprache, Sprachmodulation und so vieles mehr bei der Verständigung benötigen, um sich gut zu Entwickeln und gut zu Leben. Andernfalls ist eine ungestörte Kommunikation nicht möglich. Soziale Interaktionen, gesprochene Worte, die schon eine ganz einfache Kommunikation einleiten und begleiten, sind die Öffner für gute Interaktionen und ein entspanntes Gespräch. Und das zwischen allen am Gespräch oder Vortrag beteiligten. Eine völlig untergehende Kulturtechnik, wenn man sieht, wie in sozialen Netzwerken (welch unsinniges Wort für das, was da stattfindet) geliked wird.

Für mich gilt diese Online-Unmöglichkeit für das Thema Körperarbeit im Besonderen. Zuwendung, eine direkte Beziehung aufbauen und Anteilnahme sind die Grundvoraussetzung für eine Arbeit an sich selbst und das Zulassen von Veränderung auf diesem Niveau. Das eigene Eingeständnis – da ist was nicht richtig, ich will es gern ändern – dafür braucht es das getragen sein, das respektvolle miteinander, menschliche Größe und den Austausch mit Gleichgesinnten.

Unser aktuell ausgerufenes “Highspeedzeitalter mit KI” ist sicher wunderbar für alle daran verdienenden Techkonzerne – aber seid ihr nicht auch schon durch die primitiveren Formen der KI, wie Telefoncomputer und minutenlanges Gedudel in schlechter Qualität an diversen Service-Hotlines seit Jahren genervt und vermeidet es, wo es nur geht?

→ “Offline” ist der neue Luxus – in diesen Worten liegt des Pudels Kern, um es mit Goethes Worten auszudrücken. Man muss ja nicht immer Luxus haben, kann gern auch den neuen Standard – also Digitalangebote – nutzen. Bei mir jedoch gibt es nur Luxus-Angebote natürlich-persönlicher Intelligenz.
Tom Cruise antwortet im Film Top Gun Maverick auf die Ansage: “Ihre Art wird aussterben.” – “Mag sein, aber nicht heute.” In diesem Sinn, freut auf den nächsten Artikel
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© Grit Silke Thieme