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Archiv: No_Blog Beiträge

# 54 – Tom: Ich habe es getan: Digital in der US-NSDAP-Datei nach Opa, Uropa und Ururopa recherchiert

… in den dort veröffentlichten Daten zu Ausweisdokumenten der Parteimitglieder.
Ganz einfach „Nachname Vorname“ in die Suchmaske eingeben, dann in der ausgeworfenen Datei den Namen in der alphabetischen Ordnung suchen und das Geburtsdatum abgleichen.

Und staunen, wen man findet! Und wen nicht, obwohl man glaubte, den mit Sicherheit zu finden.


Noch unter dem Eindruck der schnellen Zugreifbarkeit auf die Tatsachen stehend: Bin ich jetzt, mit meinen Rechercheergebnissen, noch immer über die Banalität des Soldatenlebens der neunzehnhundertvierziger Zeit schockiert? … von den Bildern in den Fotoalben meiner männlichen Altvorderen? … voll mit Tageslichtfotos von Straßenzügen voller Trümmer, Toten und eingeäscherter Landstriche, … und im Abendlicht gesellige Strandszenen mit Sportwettkämpfen und Gemütlichkeit am Lagerfeuer; Wie passt das zusammen in einen einzigen Tag? Jeden Tag aufs Neue?

Ich bin auch jetzt noch ratlos. Es ist mir unvorstellbar, wie dieses Nebeneinander tagtäglich stattfinden konnte. Wie die Personen auf den Fotos später meine Opas und Uropas waren, nichts Verwunderliches an sich hatten. Hätte ich es ihnen nicht ansehen müssen, dass sie Zombies waren? Oder sind das nur meine Assoziationen, wenn ich auf die Fotos schaue?

Woher kommen diese? Hatten die Soldaten Zeit und Ausrüstung dafür? Hat jeder solche Fotos gemacht?

Wenigstens darauf habe ich eine Antwort von Urgroßvater bekommen. Er sagte, es gab einen guten, professionellen Nachbestelldienst für die gemachten Fotos: Die Filme wurden in die Heimat geschafft, dort entwickelt und die Papierabzüge zurück ins Kriegsgebiet gebracht. Dann gab es riesige Listen mit Nachbestellungswünschen zurück in die Heimat. Dort wurden diese abgearbeitet und an die Familien der Besteller ausgeliefert. So entstanden die Alben, und wohl auch der Stolz auf die Männer im Krieg, von dem ich als Kind später unterschwellig etwas spürte, aber keiner darüber redete.

Auch krass, oder? Die Oberen hielten es für wichtig, Bilder der ‚Fronthelden‘ bei ihren Familien zu verbreiten, obwohl sonst in der Kriegswirtschaft kaum Luxus für die breite Masse möglich war. Eine ‚kuratierte‘ Seite des Krieges, die die elende Realität nicht wiedergibt? Nicht wiedergeben soll?

Und schwupp, da bin ich mittendrin, in den Knoten und Themen meines Lebens: Disziplin, Wille zu siegen, … happy Sabbatical-Jahr!

Zu den Fakten der Recherche: Ein völlig unerwartetes Ergebnis für mich.

Ich habe keinen Opa und keinen Urgroßvater in der Datei gefunden. Gefunden habe ich den Ururgroßvater väterlicherseits!
Der nie im Dienst an der Waffe war, da er nachweislich eine Fabrik leitete und somit im leisen Familiengemurmel ein ‚guter‘ war. Wenn auch kein Widerstandskämpfer, das sind offiziell die ganz Guten. Unter der Hand wird dazu gesagt: Viele Wege führten zum Widerstandskämpfer, etliche über die Parteimitgliedschaft.

In meinem Fall waren die Leute an der Front ‚nur‘ Soldaten und keine Parteimitglieder; das Parteimitglied lebte zu Hause und organisierte die Fabrik. Voll krass, finde ich.

Jetzt sind all meine Gewissheiten dahin und ich habe viele Fragen:
Wer sind diese Typen, von denen ich abstamme? War ein Soldat damals automatisch von der Reichswehr in die Wehrmacht gekommen – so wie ich aus der NVA in die Bundeswehr? Feindbild und Uniformtausch über Nacht?
Was bedeutete es damals, Soldat zu werden?
Warum werfe ich meinem Sohn vor, nicht beim Bund gewesen zu sein?
Das geht an die Substanz meiner Überzeugungen … Pause … mehr dazu, zu meinen Forschungen gibt es in meinem Sabbatical-Buch, mit Sicherheit!
Aber die Beschäftigung mit diesen Themen wird mich wohl verändern, ist es dann noch mein Buch? Wer bin ich dann? Kann das gut gehen?
JA! Ich habe ja Yve und Einstein hier bei mir, die werden mir Support geben, helfen, durch diesen Wust zu steigen.

Seid gegrüßt, ich hab zu tun – im Hirn und Herzen – mit mir und meiner Soldatenfamilie in Reichswehr, Wehrmacht, NVA und Bundeswehr. Unfassbar, wie da eins ins andere nahtlos hineinspielt und in meinem Hirn, in dem große moralische Klarheiten waren, Chaos stiftet.

Euer Tom

PS: Warum suchte ich nicht auch nach meinem Vater in der NSDAP-Mitgliederdatei? Der ist Kriegskind, da gibt es diesbezüglich nichts zu recherchieren.

(c) GST – the happy body

# 53 – Tom: begonnen ist der Artikel – weiter geht’s morgen (am (späten?) Abend?) – fertig um 21:52 Uhr

31.5., 23:59 Uhr … in einer Minute ist Veröffentlichungstermin …
Wo ist meine Disziplin hin? Völlig untypisch für mich, nicht mindestens einen Tag vor dem Abgabetermin geliefert zu haben. Gern noch eher, lautet(e?) mein Maßstab.

Wo ist der hin? Wenigstens diesen Gedanken kann ich fristgerecht preisgegeben.
Nicht so einfach für mich, den Helden und Retter – es hat mich schon zwei schlaflose Nächte gekostet, das zu schreiben. Nach der ersten Nacht konnte ich das vor mir selbst zugeben, nach einem Tag intensiver Gespräche mit Yve und Einstein und der zweiten Nacht, nun auch vor dir, lieber Leser.

1.6., 21:52 Uhr
#53 – Krise?

Ihr lieben Leser,
ich bin’s wieder, Tom.
Ihr erwischt mich in einem echten Ausnahmezustand, ich kann es noch nicht einordnen: Es bereitet mir Vergnügen, auf die Brüche und wunden Punkte meines Lebens zu schauen, mich darauf einzulassen, zuzulassen, dass es so was auch bei mir gibt. Ich, immer der Held und Sieger.

Etwas mehr als zwei Monate hier, plus einen Mutausbruch später habe ich beschlossen, mir das, was ich mein Leben nenne, tiefer anzusehen, zu ergründen und meine verschiedenen ‚Rollen‘ in Einklang zu bringen.
(Klang entsteht, existiert nur, wenn ich hinhöre; Geräusche auch ohne das Hinhören, wenn es einfach nur vorbeirauscht, nicht wahrgenommen wird – kommentiert sofort der Wissenschaftsjournalist in mir.)

Wider Erwarten ist es mir ein täglich zunehmendes Vergnügen geworden, Zeit zu haben und mich auf mich einzulassen; jenseits aller Routinen und Rollen als Ehemann und Liebhaber, Vater, Sohn, Freund, Kollege, Kumpel, Journalist, Autor.
Noch auf meiner Reise hierher, zu unserer Sabbatical-Homebase, dachte ich, ich lasse mich für die Dauer eines Jahres auf das Schreiben ein. Ein wenig außerhalb meiner eigentlichen Profession, meiner Komfortzone, der Wissenschaftsjournalistik, und habe dabei eine gute Zeit mit meinen Best-Buddies Yve und Einstein. Mit gemeinsamen, täglichen Aktivitäten, ähnlich wie zu unseren jährlichen Bewegungsfreude-Konferenzen. Aber die beiden verkrümelten sich viel ins Schreiben und am abendlichen Lagerfeuer tauschen sie sich über ihr Geschriebenes aus. Oh Mann, das war echt anstrengend, bis Einstein mit seinen alten Ritter- und Adelsvorfahren um die Ecke kam und uns die straff-komplexe Organisationsstruktur jener Zeit erklärte.

Damit ging ich in ungeahnte Resonanz, nicht mit meinem geplanten Thema: Mein Sohn Veit – nein, mein Vater und Großvater, beide wortkarge, disziplinierte Soldaten. Sie lauerten plötzlich in all meinen Gedanken. Und, ich hinterfrage das Thema Disziplin! Und die Frage: Gibt es gute und schlechte Disziplin?
Noch krasser: Mir schwanen seit jenem Lagerfeuerabend meine eigenen, recht engen Grenzen. Die ich so nie wahrgenommen habe und schon gar nicht erwartet habe, die mich aber am Schlawittchen packten und seit dem angehen. Ich bin weniger aktiv, ruhe mich viel aus, weil es anstrengend ist, zu sehen, zu ertragen, was ich da in mir ausgrabe.

Versteht ihr das, was ich sage? Ich RUHE MICH AUS.
Achte auf den richtigen Zeitpunkt, meine strömenden Gedanken niederzuschreiben – wenn er da ist, dann spüre ich die mir immer vertrauter werdende Stille in meinem Kopf, weiß, es ist richtig, was ich tue. Am Ende jeder Schreibzeit erwacht der alte Tom in mir und stellt die Fragen:
Habe ich bisher das Richtige getan und das Falsche gelassen?
War mein bisheriges Leben der von mir als Lebensziel erträumte Höhepunkt?
Oder habe ich mich auf Nebenschauplätzen des Lebens in Abgründen verloren?

Das werde ich alles noch genauer durchleuchten müssen, sind ja noch etliche Monate Zeit.

Gestern flossen beim Schreiben die Worte: „Mich mit mir versöhnen.“ aus Einsteins Füller! Das ist ein echter Einstein-Trick, das mit dem Kinderfüllhaltergeschenk.
Habe ich schon im #51 geschrieben und ihr sicher gelesen. Was das Ding einfach so aus mir rausholt, das klingt als ginge es mich etwas an, und ich kann nicht schnell mit der Backspace-Taste die Buchstaben weglöschen, schnell eine heldenhafte, weniger auf Brüche und Verluste zeigende, Formulierung tippen.

Jetzt mach’ ich Schluss, bin ganz schön angefressen. Brauche Zeit und verbleibe, bis zum nächsten Mal
euer Tom

© GST – the happy body

# 52 – Tom: Wie sind wir angekommen im Sabbatical-Quartier?

 … einem einsamen, alten Bootshaus weit, weit draußen auf einer kargen Landzunge

Der Nebenbeieffekt der Lage: perfekt fürs Schreiben.
Der nächste Ort: siebzig Landkilometer oder mehrere Stunden mit dem Boot übersetzen.
Die Mobilfunkabdeckung: dürftig.
Die Natur: atemberaubend.
Ein Flecken Land, der den seltenen Luxus der Stille und nächtlichen Dunkelheit bietet – wenn das Feuer gelöscht und die Milchstraße von Wolken verdeckt ist.

Wie Einstein diesen Ort wohl entdeckt hat?
Wusste er schon vor unserem Test-Segeltörn mit der ‚grünen Lady‘, dass wir hier landen werden?
Das werde ich ihn morgen als Erstes fragen, wenn er zum Frühstück aus seinem kleinen Segler auf den Bootssteg springt.

Bis dahin wird mich wohl der spätabendliche Satz von Yve: „Wir können nicht verbergen, wer wir wirklich sind“, beschäftigen. Was hat sie wohl damit gemeint?
Spielte sie nochmal auf meine linientreue ostdeutsche Militärfamilie mit ebensolcher Familiendisziplin an? Letztendlich meine Extremsport- und Arbeitsdisziplin? Hat das wirklich was miteinander zu tun?
Einerseits, mein Kopf ist schon ständig voller neuer Ideen, die es zu entdecken, zu ergründen gibt, andererseits sortiere ich diesen Gehirnfasching mit eiserner Disziplin und verfolge die  konsequent, bis erstklassige Veröffentlichungen dazu Geld in meine Kasse spülen.
Es ist schon so, dass ich mich dafür mit fester Entschlossenheit anstrenge, um mich dann nicht mehr ablenken zu lassen und das einmal gesteckte Ziel nicht mehr zu verfehlen; selbst wenn klare Korrekturen auf dem Weg nötig sein sollten.
Meint Yve das?
Aber ich bin doch der, der mit dem Auto hergekommen ist –sie hatten die genussvollen Extremanreisen in ihren Lieblingselementen – Einstein den Segeltörn übers Wasser und Yve das Eintauchen in die Luftanströmung der kräftigen Ozeanbrise auf ihrem Rad.
Ich als Läufer hatte Pause und war nur das Begleitfahrzeug der beiden, mit dem Gepäck und zwei Ersatzfahrrädern (Einsteins und meinem) auf der Ladefläche. Ist das auch meine Disziplin gewesen?

Aber, wenn ich ehrlich bin, ich habe die Fahrt im Offroad-Modus meines exklusiv motorisierten Allradgeländewagens abseits jedes Weges, geschweige denn einer Straße, extrem genossen. Das Austesten der Technikgrenzen im Spiel mit meiner Reaktionsfähigkeit und meinem Können, das hat was. Ist fast wie beim Laufen.
Mein kleiner Allrad-Muli musste mit hierher! Falls es mal dröge wird, kann ich kurz damit raus und bekomm’mein Adrenalin.
Genau wie mit meinen Sportwagen. Da die Drift in den Kurven zu genießen, ist fast noch besser, und dieses Glück kann man auf dem Weg zur Arbeit genießen, das nenn’ich Effizienz!
Wie auch immer: Ich freu’mich auf die Muli-Besorgungs- und Tankfahrten in die Zivilisation.

Nicht zu vergessen: Ich freu’ mich wie Sau auf die lange Zeit mit Yve und Einstein! Und auf die gelegentlichen Besuchstage unserer Familien.
Und natürlich: Ich bin gespannt auf mein Nicht-Fach-Buch.
Ihr auch?

© GST – the happy body

# 51 – Tom hier, schon wieder Ostermontag

Wenn die Tage länger werden und das Licht zurückkehrt, verspüren wir den Drang, aufzuräumen, zu entrümpeln und neu anzufangen. Jedoch nicht alles, was kleine Defekte oder Gebrauchsspuren aufweist, muss weggeworfen werden – manche Stücke brauchen einfach nur ein wenig Zuwendung – sagte Einstein gestern bei meiner Ankunft bei unserem Schreib-Sabbatical-Jahr zu mir.

Und ergänzte kurz darauf: Ich sollte mich mit „Sashiko – Sichtbarem Ausbessern“, einer traditionellen japanischen Technik, mit der Textilien ausgebessert, verstärkt oder kunstvoll verziert werden, beschäftigen. Mit einem einfachen Laufstich und ohne Vorkenntnisse würde man bei „Sashiko“ das Ausbessern lernen – genauso sollte ich schreiben. Einfacher Füller und weißes Papier zum einfach Loslegen, einen Buchstaben nach dem anderen. Nicht wissen, wo der Text hingeht, nicht wissen, wo ein Absatz sein muss, nicht wissen, ob es so richtig oder gar gut wird. Keine Tech-Tools, die würde ich nur zu gebuchten Medienzeiten für maximal eine Stunde am Tag bekommen. Die erste Stunde bräuchte ich dann auch gleich für meinen Ostermontag-No-Blog-Artikel.

Ja, geht es noch? Spinnt der?

Einen Kinderfüller und einen Pack weißes Office-Papier hat er mir gleich noch in die Hand gedrückt, der Vogel.
Nun sitze ich und schreibe mit Füller von Hand, um den Wert von Sorgfalt und Handwerkskunst wiederzuentdecken; um damit meinem Sohn – einem Kaffee-Artisan-Nerd, dem es das Wichtigste auf der Welt ist, die allerbeste Bohne zu haben und aus dieser mit der allerbesten Maschine und der allerbesten Technik das Allerbeste herauszuholen – näher zu kommen.

Mann, das ging ja einfach raus, aus dem Füller, meiner Hand und mir. Das Thema habe ich mir ganz heimlich für das Sabbatical-Jahr und mein Buch vorgenommen. Der Füller von Einstein knallt es einfach aufs Papier. Und nun steht es dort. Ich habe keinen Tintenkiller … ihr merkt sicher schon, ich bin sofort angefressen, angenervt. Von ihm. Meinem Sohn. Veit. Von seiner Art und dem hochverfeinerten Besserwissergetue dieser ganzen Generation. Was wissen die denn schon!

Ich geh’ erst mal eine Runde schwimmen und hinterher gleich noch laufen. Der Kleine bringt mich immer gleich auf die Palme.
Einstein meint, in Verteidigungsstellung, und ich sollte ihn nicht immer der Kleine nennen. Er ist fast vierzig Jahre und so groß wie ich.

Und noch mehr, on top: Beide, Yve und Einstein, empfehlen mir für das Auszeitjahr: Back to the roots.
Also erst die, für mich völlig bescheuerte, Militärtradition meines Vaters und Großvaters versuchen zu verstehen – der ich mich nie öffnen konnte und der sich mein Sohn regelrecht verweigert.
Als Bindeglied zwischen den Alten und dem Kommenden soll ich die Geschichte, die Prinzipien und die Muster deren jahrhundertealter militärischer Ehrenpraxis ausgraben, versuchen, die Logik dahinter zu verstehen und den Alten damit näher, hoffentlich nicht zu nahe, kommen. Wenn ich mit den Alten ins Reine käme, könnte das erst Grundlage für beruhigende, gemeinsame Erfahrungen, die Freude und Verbundenheit zwischen mir und Veit schaffen.
Einstein meint, an dieser Stelle sollte ich vielleicht die Worte „aufblühende Beziehung“ verwenden … oh Mann, das wird hart – meine coolen Wissenschaftsartikel gehen mir sehr viel leichter aus dem Hirn in die Tasten. Darum vielleicht der Füllertrick?

Ok, ich bin voll und ganz gewillt. Beginnen werde ich morgen mit dem erneuten Lesen von Tolstois „Krieg und Frieden“. Das war schon in der Schule Pflichtliteratur, ich hab’ in Erinnerung: Russland bereitet sich auf den Krieg gegen Napoleon vor und beruft die jungen Männer zum Heer ein. Ihr Abschied von den Familien überschattet das gesamte gesellschaftliche Leben. Insgesamt eine Mischung aus historischem Roman und militär-politischen Darstellungen der damaligen Zeit, beginnend 1805. Und ein Thema, das unsere Gesellschaft aktuell beschäftigt: Verteidigung. Bei dem ich mal wieder völlig anderer Meinung als Veit bin. Wir schweigen darüber. Wie über so vieles. Das will ich ändern. Wir müssen ja nicht einer Meinung sein. Schön wäre es aber, wenn wir uns darauf zu bewegen würden. Gern Lebenslang, da bleibt es spannend.

PS: Yve sagt, die Wissenschaftlichkeit ist meine Flucht vor der nicht wirklich aufgearbeiteten Vergangenheit. Da ich die schon gewählt habe, blieb Veit nur die heutige Nerd-Handwerkskunst.
Bestimmt hat sie recht, ich verstehe es nur noch nicht.

PPS: Ihr lest jetzt jeden Monats ersten hier von mir. Wenn es wirr wird, habt bitte Nachsicht, ist (noch) nicht mein Fachgebiet. Ich bleib dran, ihr kennt mich. Auf mich ist Verlass.

© GST – the happy body

# 50 – Es ist vollbracht: Abtauchen, Eintauchen zum und im „the happy body“

Ich hatte schon mehrfach im Leben die Entscheidung zu treffen: ob ich das weitermache, was ich möchte, oder nicht mehr das zu tun, was ich möchte.
Möchte ich „hands on“ oder mit Schreiben die Hirne, Herzen und Körper meiner Kunden oder Leserinnen erreichen und in Bewegung bringen?
Möchte ich eine „Wasserglas-Lesung“ mit Moderation von der Bühne (wie die Bewegungsfreude-Premierenlesung) oder ein „samstägliches Kaffeegeplauder“ mit gelegentlich eingestreuten Buchabschnitten und individuellem Austausch in behaglicher Atmosphäre?
Möchte ich ein Institut bleiben oder heißen, wie es die Wirkung in den Menschen nach dem Kontakt mit mir ist – „happy body“ mit happy feeling?
Das sind nur die letzten der vielen, fast täglich zu treffenden Entscheidungen, die jede und jeder in dieser oder jener Weise zu treffen hat. Ob er es auch tut, das ist eine ganz andere Frage.
Mir fallen diese Entscheidungen mittlerweile leicht. Auch die grundlegenderen, wie sie die Antwort auf die in der Körperglück-Premierenlesung mehrfach gestellte Frage zum Ausdruck bringt: „Warum schreibst du?“
Meine Antwort war jedes Mal ein wenig anders, weil nicht vorab überlegt: weil es mich interessiert, ich dem folge, nachgehe, was mich wirklich antreibt und beschäftigt. Mein Interesse lotst mich auf meinem Weg durchs Leben, Schritt für Schritt. Eines folgt dem anderen, kann nicht von vornherein durchgeplant werden, es fügt sich erst auf dem Weg. So gedeihen die Dinge, erfüllt sich meine Lebensaufgabe. Und nicht weniger wichtig: Es gibt keine Zeit, die aufregender und schöner wäre. Frei von eingefahrenen Routinen und Sachzwängen zu agieren, alles so zu denken und zu tun, wie es im nichtrationalistischen JETZT dran ist. Wunderbar erfrischend, ein Vergnügen – genau wie die mit euch geteilte Zeit.
Ich bin gern mit euch ab- und eingetaucht in unsere gemeinsame Lesezeit. Habe euer anregendes Gemurmel und die Gespräche, die zischende Kaffeemaschine und den leckeren Kuchenduft, die gastliche Atmosphäre und überhaupt alles genossen. Es war fein! Ein Träumchen mit euch allen – vor und hinter dem Tresen. Ich denke, ihr stimmt mir zu. Das Geheimnis der besonderen Momente und Kulinarik im „das fein“: beste Zutaten in Regalen und auf dem Teller, zelebriert mit entspannter Herzlichkeit. Ein wahrer Überfluss an Genuss und leisem Luxus.
VIELEN DANK.

PS: Letztendlich geht es um (meine) bewusste(n) Entscheidungen gegen Größe und die damit verbundene routiniert-professionalisiertere Kälte; Entscheidungen für „das fein“ als Lesungsort und meinen neuen Namenszusatz „the happy body“ als Horte für Offenheit, Herzenswärme und Seelennahrung.

PPS: Danke für eure bewegten Rückmeldungen über meine „besonderen Bücher“. Ich freue mich, wenn ihr auf dem Heimweg tiefe, anregende Gespräche hattet – über eueren, von Lesung und Buch angeregten „Kram“. Ich freu mich über euer ein- und mitschwingen, eueren Zugang zu den Yve, Tom und Einsten in den Mund gelegten Worten. Ihr folgt dem Impuls, den meine Worte in euch auslösen möchten, spürt und versteht sehr fein, wo sich mein Text in euch hinbewegen will.

© GST – the happy body

# 49 – Vorab erste Zeilen vom zweiten Körperroman „ZUHAUSE“

  • dezeitiger Untertitel: Körper – Yves Resonanzraum des Lebens
  • Wobei, alle Titel, Untertitel und Namen sind noch Arbeitstitel – wer weiß schon im Prozess des Schreibens, wo die Buchstaben sich noch hinbewegen wollen?

Zuhause ist kein Ort.
Nirgendwo auf dieser Welt.
Zuhause, das sind Erinnerungen, aufsteigende Bilder.
Düfte, Klänge der Natur im Jahreslauf.
Die dazugehörigen Kräuter, Küchengerüche und Speisen.
Die täglich zu- und abnehmende Intensität der Sonne auf meiner Haut.
Die mich anströmende Luft, mit ihrer Trockenheit und Feuchte, die die Welt zu mir heranträgt.
In mein Tun hinein. Tief in mich, mein Sein.

Zuhause, das finden meine, über Jahrzehnte feingestimmten, Sinne, wenn sie der Welt zuhören, sich ihr zuwenden. Wenn sie an mir tief Vertrautem anknüpfen, das unvorstellbar weiter als meine eigene Lebensspanne zurückzureichen scheint und mit Sicherheit die meine um Äonen überdauert. Auf dem Weg nach Hause fand ich subtile Hinweise und Geschichten, die weit tiefer gingen, als ich mir je hätte vorstellen können.

Mein Zuhause ist eng mit dem Rhythmus der Natur im Lebensraum meiner Ur-Ahninnen verwoben. Über Jahrhunderte lebten sie dort, kehrten immer dahin zurück. Auch ich scheine fest verankert in jenem Breiten- und Längengrad, zog es mich doch zu jenem Ort, an dem sie Jahrhunderte lebten. Nichts von der mir verschwiegenen Ahninnen-Heimat wissend, leiteten mich meine Sinne recht früh im Leben zu ihrem Ort – ohne, dass ich um die Bedeutung dieses Fleckens Erde für mich, mein Sein, wusste.

Ich empfand ihn aufgeladen, zauberhaft und unfassbar wohltuend für mich und mein geplagtes Körperchen. Dort spürte ich zum ersten Mal ein völlig unbekanntes, mich überwältigendes Erkennen und Erkanntwerden. Und gleichzeitig war da ein neues, tiefes Angepiekst -und Provoziertsein von der Welt deutlich fühlbar.

Was war das? Es ging mir nicht aus dem Kopf, keine Minute. Nicht am Tag, nicht in der Nacht. War es überhaupt in meinem Kopf? War es nicht überall in mir?

Noch vor Ort beschloss ich, jener eindringlichen, unfassbaren Irritation meines Wesens auf den Grund zu gehen. Meine bewusste Suche nach dem, was meinem Körperchen zum richtigen Körper fehlte, nahm ihren Lauf. Meine Antennen gingen auf Empfang.

Jahrzehnte später lichtete sich mein Tasten und Suchen nach dem Im-Körper-Landen-Wollen und Mich-Zuhause-Fühlen-Können, schlagartig. Alle in den vielen Jahren gegangenen Schritte fügen sich rückblickend zu einem einzigartigen, schlüssigen Weg, bilden ein jederzeit sicher verwobenes, mich haltendes Band. Ich nenne es „My woven Luxuries“, die mich sicher ans Ziel und weiter, zu erfüllendem Sinn, finden ließen.

Nichts vom ‚gewebten Luxus‘ war mir vorher bekannt, weder der Webstuhl noch die verschiedenen Garne und schon gar nicht die vielen Möglichkeiten der Bindung von Kett- und Schussfäden. Meine Webversuche führten mich durch unglaubliche Höhen und unfassbare Tiefen, ließen mich zweifeln und neuen Mut finden, fallen und wieder aufstehen. Je ungestümer ich voran wollte, desto weiter warf es mich in meine Starre und mein Nichtkönnen zurück. Unzählige Rückschläge lehrten mich weit mehr als Ausdauer und erneut zu beginnen. Sie brachten mich erst in die ersehnte Beweglichkeit, gefolgt von unerwarteter Bewegung und dem Gefühl des Passens zu meiner geistig unaufgeregten Bewegtheit – beim ununterbrochenen Spinnen und Verweben der täglichen Momente zu meinem Zuhause Sein im Leben.

Erst die zahlreichen Hindernisse, Stolpersteine und Ehrenrunden auf meinem Weg machten mich zur ganzen, zur vollständigen Menschin ‒ und zu der Yve, die ich heute bin.

So Sie / du mich schon aus dem ersten Körperroman kennst, hier werden Sie / wirst du lesen, wie ich wurde, wer ich bin. Was Tom und Einstein damit zu tun haben – meine Freunde für die Ewigkeit. Nichts mit vergessenen Namen und verblassten Bildern aus meiner Jugendzeit. Die beiden reifen mit mir seit Jahrzehnten am Leben, rücken mir immer dichter auf und unter die Pelle, werden noch heute immer zuverlässigere, treue Gefährten.

Ein Hinweis zum Sprachgebrauch in diesem Buch: Ich werde Sie / dich mit einem respektvollen Du im weiteren Verlauf anreden, wenn ich dich zu eigenen Reflexionen einlade. Diese Einladungen kannst du annehmen, einfach überlesen oder ablehnen. Wie auch immer deine Wahl ausfällt: Ich wünsche dir immenses Lesevergnügen und zunehmendes Körperglück.

Bleib natürlich, bleib bei dir. Ich freu mich auf dich!