# 54 – Tom: Ich habe es getan: Digital in der US-NSDAP-Datei nach Opa, Uropa und Ururopa recherchiert
… in den dort veröffentlichten Daten zu Ausweisdokumenten der Parteimitglieder.
Ganz einfach „Nachname Vorname“ in die Suchmaske eingeben, dann in der ausgeworfenen Datei den Namen in der alphabetischen Ordnung suchen und das Geburtsdatum abgleichen.
Und staunen, wen man findet! Und wen nicht, obwohl man glaubte, den mit Sicherheit zu finden.
Noch unter dem Eindruck der schnellen Zugreifbarkeit auf die Tatsachen stehend: Bin ich jetzt, mit meinen Rechercheergebnissen, noch immer über die Banalität des Soldatenlebens der neunzehnhundertvierziger Zeit schockiert? … von den Bildern in den Fotoalben meiner männlichen Altvorderen? … voll mit Tageslichtfotos von Straßenzügen voller Trümmer, Toten und eingeäscherter Landstriche, … und im Abendlicht gesellige Strandszenen mit Sportwettkämpfen und Gemütlichkeit am Lagerfeuer; Wie passt das zusammen in einen einzigen Tag? Jeden Tag aufs Neue?
Ich bin auch jetzt noch ratlos. Es ist mir unvorstellbar, wie dieses Nebeneinander tagtäglich stattfinden konnte. Wie die Personen auf den Fotos später meine Opas und Uropas waren, nichts Verwunderliches an sich hatten. Hätte ich es ihnen nicht ansehen müssen, dass sie Zombies waren? Oder sind das nur meine Assoziationen, wenn ich auf die Fotos schaue?
Woher kommen diese? Hatten die Soldaten Zeit und Ausrüstung dafür? Hat jeder solche Fotos gemacht?
Wenigstens darauf habe ich eine Antwort von Urgroßvater bekommen. Er sagte, es gab einen guten, professionellen Nachbestelldienst für die gemachten Fotos: Die Filme wurden in die Heimat geschafft, dort entwickelt und die Papierabzüge zurück ins Kriegsgebiet gebracht. Dann gab es riesige Listen mit Nachbestellungswünschen zurück in die Heimat. Dort wurden diese abgearbeitet und an die Familien der Besteller ausgeliefert. So entstanden die Alben, und wohl auch der Stolz auf die Männer im Krieg, von dem ich als Kind später unterschwellig etwas spürte, aber keiner darüber redete.
Auch krass, oder? Die Oberen hielten es für wichtig, Bilder der ‚Fronthelden‘ bei ihren Familien zu verbreiten, obwohl sonst in der Kriegswirtschaft kaum Luxus für die breite Masse möglich war. Eine ‚kuratierte‘ Seite des Krieges, die die elende Realität nicht wiedergibt? Nicht wiedergeben soll?
Und schwupp, da bin ich mittendrin, in den Knoten und Themen meines Lebens: Disziplin, Wille zu siegen, … happy Sabbatical-Jahr!
Zu den Fakten der Recherche: Ein völlig unerwartetes Ergebnis für mich.
Ich habe keinen Opa und keinen Urgroßvater in der Datei gefunden. Gefunden habe ich den Ururgroßvater väterlicherseits!
Der nie im Dienst an der Waffe war, da er nachweislich eine Fabrik leitete und somit im leisen Familiengemurmel ein ‚guter‘ war. Wenn auch kein Widerstandskämpfer, das sind offiziell die ganz Guten. Unter der Hand wird dazu gesagt: Viele Wege führten zum Widerstandskämpfer, etliche über die Parteimitgliedschaft.
In meinem Fall waren die Leute an der Front ‚nur‘ Soldaten und keine Parteimitglieder; das Parteimitglied lebte zu Hause und organisierte die Fabrik. Voll krass, finde ich.
Jetzt sind all meine Gewissheiten dahin und ich habe viele Fragen:
Wer sind diese Typen, von denen ich abstamme? War ein Soldat damals automatisch von der Reichswehr in die Wehrmacht gekommen – so wie ich aus der NVA in die Bundeswehr? Feindbild und Uniformtausch über Nacht?
Was bedeutete es damals, Soldat zu werden?
Warum werfe ich meinem Sohn vor, nicht beim Bund gewesen zu sein?
Das geht an die Substanz meiner Überzeugungen … Pause … mehr dazu, zu meinen Forschungen gibt es in meinem Sabbatical-Buch, mit Sicherheit!
Aber die Beschäftigung mit diesen Themen wird mich wohl verändern, ist es dann noch mein Buch? Wer bin ich dann? Kann das gut gehen?
JA! Ich habe ja Yve und Einstein hier bei mir, die werden mir Support geben, helfen, durch diesen Wust zu steigen.
Seid gegrüßt, ich hab zu tun – im Hirn und Herzen – mit mir und meiner Soldatenfamilie in Reichswehr, Wehrmacht, NVA und Bundeswehr. Unfassbar, wie da eins ins andere nahtlos hineinspielt und in meinem Hirn, in dem große moralische Klarheiten waren, Chaos stiftet.
Euer Tom
PS: Warum suchte ich nicht auch nach meinem Vater in der NSDAP-Mitgliederdatei? Der ist Kriegskind, da gibt es diesbezüglich nichts zu recherchieren.
(c) GST – the happy body
