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# 53 – Tom: begonnen ist der Artikel – weiter geht’s morgen (am (späten?) Abend?) – fertig um 21:52 Uhr

31.5., 23:59 Uhr … in einer Minute ist Veröffentlichungstermin …
Wo ist meine Disziplin hin? Völlig untypisch für mich, nicht mindestens einen Tag vor dem Abgabetermin geliefert zu haben. Gern noch eher, lautet(e?) mein Maßstab.

Wo ist der hin? Wenigstens diesen Gedanken kann ich fristgerecht preisgegeben.
Nicht so einfach für mich, den Helden und Retter – es hat mich schon zwei schlaflose Nächte gekostet, das zu schreiben. Nach der ersten Nacht konnte ich das vor mir selbst zugeben, nach einem Tag intensiver Gespräche mit Yve und Einstein und der zweiten Nacht, nun auch vor dir, lieber Leser.

1.6., 21:52 Uhr
#53 – Krise?

Ihr lieben Leser,
ich bin’s wieder, Tom.
Ihr erwischt mich in einem echten Ausnahmezustand, ich kann es noch nicht einordnen: Es bereitet mir Vergnügen, auf die Brüche und wunden Punkte meines Lebens zu schauen, mich darauf einzulassen, zuzulassen, dass es so was auch bei mir gibt. Ich, immer der Held und Sieger.

Etwas mehr als zwei Monate hier, plus einen Mutausbruch später habe ich beschlossen, mir das, was ich mein Leben nenne, tiefer anzusehen, zu ergründen und meine verschiedenen ‚Rollen‘ in Einklang zu bringen.
(Klang entsteht, existiert nur, wenn ich hinhöre; Geräusche auch ohne das Hinhören, wenn es einfach nur vorbeirauscht, nicht wahrgenommen wird – kommentiert sofort der Wissenschaftsjournalist in mir.)

Wider Erwarten ist es mir ein täglich zunehmendes Vergnügen geworden, Zeit zu haben und mich auf mich einzulassen; jenseits aller Routinen und Rollen als Ehemann und Liebhaber, Vater, Sohn, Freund, Kollege, Kumpel, Journalist, Autor.
Noch auf meiner Reise hierher, zu unserer Sabbatical-Homebase, dachte ich, ich lasse mich für die Dauer eines Jahres auf das Schreiben ein. Ein wenig außerhalb meiner eigentlichen Profession, meiner Komfortzone, der Wissenschaftsjournalistik, und habe dabei eine gute Zeit mit meinen Best-Buddies Yve und Einstein. Mit gemeinsamen, täglichen Aktivitäten, ähnlich wie zu unseren jährlichen Bewegungsfreude-Konferenzen. Aber die beiden verkrümelten sich viel ins Schreiben und am abendlichen Lagerfeuer tauschen sie sich über ihr Geschriebenes aus. Oh Mann, das war echt anstrengend, bis Einstein mit seinen alten Ritter- und Adelsvorfahren um die Ecke kam und uns die straff-komplexe Organisationsstruktur jener Zeit erklärte.

Damit ging ich in ungeahnte Resonanz, nicht mit meinem geplanten Thema: Mein Sohn Veit – nein, mein Vater und Großvater, beide wortkarge, disziplinierte Soldaten. Sie lauerten plötzlich in all meinen Gedanken. Und, ich hinterfrage das Thema Disziplin! Und die Frage: Gibt es gute und schlechte Disziplin?
Noch krasser: Mir schwanen seit jenem Lagerfeuerabend meine eigenen, recht engen Grenzen. Die ich so nie wahrgenommen habe und schon gar nicht erwartet habe, die mich aber am Schlawittchen packten und seit dem angehen. Ich bin weniger aktiv, ruhe mich viel aus, weil es anstrengend ist, zu sehen, zu ertragen, was ich da in mir ausgrabe.

Versteht ihr das, was ich sage? Ich RUHE MICH AUS.
Achte auf den richtigen Zeitpunkt, meine strömenden Gedanken niederzuschreiben – wenn er da ist, dann spüre ich die mir immer vertrauter werdende Stille in meinem Kopf, weiß, es ist richtig, was ich tue. Am Ende jeder Schreibzeit erwacht der alte Tom in mir und stellt die Fragen:
Habe ich bisher das Richtige getan und das Falsche gelassen?
War mein bisheriges Leben der von mir als Lebensziel erträumte Höhepunkt?
Oder habe ich mich auf Nebenschauplätzen des Lebens in Abgründen verloren?

Das werde ich alles noch genauer durchleuchten müssen, sind ja noch etliche Monate Zeit.

Gestern flossen beim Schreiben die Worte: „Mich mit mir versöhnen.“ aus Einsteins Füller! Das ist ein echter Einstein-Trick, das mit dem Kinderfüllhaltergeschenk.
Habe ich schon im #51 geschrieben und ihr sicher gelesen. Was das Ding einfach so aus mir rausholt, das klingt als ginge es mich etwas an, und ich kann nicht schnell mit der Backspace-Taste die Buchstaben weglöschen, schnell eine heldenhafte, weniger auf Brüche und Verluste zeigende, Formulierung tippen.

Jetzt mach’ ich Schluss, bin ganz schön angefressen. Brauche Zeit und verbleibe, bis zum nächsten Mal
euer Tom

© GST – the happy body