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# 51 – Tom hier, schon wieder Ostermontag

Wenn die Tage länger werden und das Licht zurückkehrt, verspüren wir den Drang, aufzuräumen, zu entrümpeln und neu anzufangen. Jedoch nicht alles, was kleine Defekte oder Gebrauchsspuren aufweist, muss weggeworfen werden – manche Stücke brauchen einfach nur ein wenig Zuwendung – sagte Einstein gestern bei meiner Ankunft bei unserem Schreib-Sabbatical-Jahr zu mir.

Und ergänzte kurz darauf: Ich sollte mich mit „Sashiko – Sichtbarem Ausbessern“, einer traditionellen japanischen Technik, mit der Textilien ausgebessert, verstärkt oder kunstvoll verziert werden, beschäftigen. Mit einem einfachen Laufstich und ohne Vorkenntnisse würde man bei „Sashiko“ das Ausbessern lernen – genauso sollte ich schreiben. Einfacher Füller und weißes Papier zum einfach Loslegen, einen Buchstaben nach dem anderen. Nicht wissen, wo der Text hingeht, nicht wissen, wo ein Absatz sein muss, nicht wissen, ob es so richtig oder gar gut wird. Keine Tech-Tools, die würde ich nur zu gebuchten Medienzeiten für maximal eine Stunde am Tag bekommen. Die erste Stunde bräuchte ich dann auch gleich für meinen Ostermontag-No-Blog-Artikel.

Ja, geht es noch? Spinnt der?

Einen Kinderfüller und einen Pack weißes Office-Papier hat er mir gleich noch in die Hand gedrückt, der Vogel.
Nun sitze ich und schreibe mit Füller von Hand, um den Wert von Sorgfalt und Handwerkskunst wiederzuentdecken; um damit meinem Sohn – einem Kaffee-Artisan-Nerd, dem es das Wichtigste auf der Welt ist, die allerbeste Bohne zu haben und aus dieser mit der allerbesten Maschine und der allerbesten Technik das Allerbeste herauszuholen – näher zu kommen.

Mann, das ging ja einfach raus, aus dem Füller, meiner Hand und mir. Das Thema habe ich mir ganz heimlich für das Sabbatical-Jahr und mein Buch vorgenommen. Der Füller von Einstein knallt es einfach aufs Papier. Und nun steht es dort. Ich habe keinen Tintenkiller … ihr merkt sicher schon, ich bin sofort angefressen, angenervt. Von ihm. Meinem Sohn. Veit. Von seiner Art und dem hochverfeinerten Besserwissergetue dieser ganzen Generation. Was wissen die denn schon!

Ich geh’ erst mal eine Runde schwimmen und hinterher gleich noch laufen. Der Kleine bringt mich immer gleich auf die Palme.
Einstein meint, in Verteidigungsstellung, und ich sollte ihn nicht immer der Kleine nennen. Er ist fast vierzig Jahre und so groß wie ich.

Und noch mehr, on top: Beide, Yve und Einstein, empfehlen mir für das Auszeitjahr: Back to the roots.
Also erst die, für mich völlig bescheuerte, Militärtradition meines Vaters und Großvaters versuchen zu verstehen – der ich mich nie öffnen konnte und der sich mein Sohn regelrecht verweigert.
Als Bindeglied zwischen den Alten und dem Kommenden soll ich die Geschichte, die Prinzipien und die Muster deren jahrhundertealter militärischer Ehrenpraxis ausgraben, versuchen, die Logik dahinter zu verstehen und den Alten damit näher, hoffentlich nicht zu nahe, kommen. Wenn ich mit den Alten ins Reine käme, könnte das erst Grundlage für beruhigende, gemeinsame Erfahrungen, die Freude und Verbundenheit zwischen mir und Veit schaffen.
Einstein meint, an dieser Stelle sollte ich vielleicht die Worte „aufblühende Beziehung“ verwenden … oh Mann, das wird hart – meine coolen Wissenschaftsartikel gehen mir sehr viel leichter aus dem Hirn in die Tasten. Darum vielleicht der Füllertrick?

Ok, ich bin voll und ganz gewillt. Beginnen werde ich morgen mit dem erneuten Lesen von Tolstois „Krieg und Frieden“. Das war schon in der Schule Pflichtliteratur, ich hab’ in Erinnerung: Russland bereitet sich auf den Krieg gegen Napoleon vor und beruft die jungen Männer zum Heer ein. Ihr Abschied von den Familien überschattet das gesamte gesellschaftliche Leben. Insgesamt eine Mischung aus historischem Roman und militär-politischen Darstellungen der damaligen Zeit, beginnend 1805. Und ein Thema, das unsere Gesellschaft aktuell beschäftigt: Verteidigung. Bei dem ich mal wieder völlig anderer Meinung als Veit bin. Wir schweigen darüber. Wie über so vieles. Das will ich ändern. Wir müssen ja nicht einer Meinung sein. Schön wäre es aber, wenn wir uns darauf zu bewegen würden. Gern Lebenslang, da bleibt es spannend.

PS: Yve sagt, die Wissenschaftlichkeit ist meine Flucht vor der nicht wirklich aufgearbeiteten Vergangenheit. Da ich die schon gewählt habe, blieb Veit nur die heutige Nerd-Handwerkskunst.
Bestimmt hat sie recht, ich verstehe es nur noch nicht.

PPS: Ihr lest jetzt jeden Monats ersten hier von mir. Wenn es wirr wird, habt bitte Nachsicht, ist (noch) nicht mein Fachgebiet. Ich bleib dran, ihr kennt mich. Auf mich ist Verlass.